Protokolle

IMAP und POP3 — der Abholweg

Verschicken und Abholen sind bei E-Mail zwei getrennte Systeme, die nichts voneinander wissen. Für das Abholen gibt es zwei Antworten, und der Unterschied zwischen ihnen ist eine Frage darüber, wo die Wahrheit liegt.

Die Trennung

SMTP schiebt Nachrichten von Server zu Server, bis eine beim zuständigen Postfach ankommt. Dort bleibt sie liegen. Wie sie von dort auf ein Gerät kommt, ist mit SMTP nicht gelöst und war nie dessen Aufgabe.

Das ist konsequent: SMTP schiebt, und der Rechner einer Anwenderin ist nicht ständig erreichbar. Es braucht also ein zweites Protokoll, das holt. Davon gibt es zwei, dreizehn Jahre auseinander gedacht.

POP3: abholen und mitnehmen

Das Postfach ist ein Schließfach am Bahnhof. Man geht hin, nimmt alles mit, das Fach ist wieder leer. Was danach mit den Nachrichten geschieht, ist Sache des Geräts, auf dem sie liegen.

S: +OK POP3 bereit
C: USER bert
C: PASS ********
S: +OK Postfach geöffnet, 2 Nachrichten
C: LIST
S: 1 4211
S: 2 8390
C: RETR 1
S: +OK 4211 Bytes folgen …
C: DELE 1
S: +OK gelöscht
C: QUIT

Das ganze Protokoll besteht aus etwa einem Dutzend Befehlen. Es kennt keine Ordner, keine Suche, keinen Zustand außer „vorhanden" und „gelöscht".

Für die Welt von 1988 war das genau richtig: ein Rechner pro Person, eine Telefonleitung, die Geld kostet. Kurz verbinden, alles holen, offline lesen.

IMAP: der Server bleibt zuständig

Hier bleibt alles auf dem Server, und die Geräte zeigen nur an, was dort liegt. Das Postfach ist kein Schließfach, sondern ein Aktenschrank, in den mehrere Personen gleichzeitig schauen.

Daraus folgt der ganze Rest: Ordner, weil es etwas zu ordnen gibt. Markierungen für gelesen, beantwortet, wichtig — auf dem Server, damit jedes Gerät sie sieht. Suche auf dem Server, weil dort alles liegt. Teilweises Laden, damit ein Handy die Liste zeigen kann, ohne zwanzig Anhänge zu holen.

POP3 und IMAP im Vergleich Bei POP3 wandern die Nachrichten auf ein Gerät und der Server bleibt leer zurück. Bei IMAP bleiben sie auf dem Server, und alle Geräte zeigen denselben Stand. POP3 (1988) Server → ein Gerät, dann leer Wahrheit liegt auf dem Gerät zweites Gerät sieht nichts Verlust des Geräts = Verlust gut für: eine Person, ein Rechner IMAP (2003) Server ↔ beliebig viele Geräte Wahrheit liegt auf dem Server Ordner und Markierungen geteilt Gerät weg, Post noch da gut für: alles, was heute üblich ist
Der Unterschied ist keine Funktionsliste, sondern die Antwort auf eine einzige Frage: Wo liegt der maßgebliche Stand?

Warum IMAP gewonnen hat

Nicht wegen der Funktionen, sondern wegen des zweiten Geräts. In dem Moment, in dem Menschen dieselbe Post am Rechner und am Telefon lesen wollten, war die Frage entschieden: Ein Modell, bei dem die Wahrheit auf einem Gerät liegt, kann zwei Geräte nicht bedienen.

POP3 ist deshalb nicht verschwunden. Es ist immer noch das richtige Werkzeug, wenn jemand seine Post bewusst vom Anbieter herunterholen und selbst archivieren will — also genau dann, wenn „der Server bleibt zuständig" nicht erwünscht ist.

Was beide nicht können

Weder POP3 noch IMAP verschickt Nachrichten. Das übernimmt SMTP über den Einlieferungsweg. Deshalb muss man in jedem Mailprogramm zwei Server eintragen, und deshalb kann Empfang funktionieren, während Versand scheitert.

Auch der Ordner „Gesendet" ist keine Ausnahme: Das Mailprogramm verschickt die Nachricht per SMTP und legt anschließend selbst eine Kopie per IMAP im Ordner ab. Zwei Vorgänge, die nur im Programm zusammengehören — weshalb gelegentlich eine Mail verschickt wird, ohne dass eine Kopie erscheint.

Verschlüsselung

Beide Protokolle haben zwei Betriebsarten: unverschlüsselt starten und per Befehl umschalten (Port 143 bzw. 110), oder von der ersten Sekunde an verschlüsselt (Port 993 bzw. 995).

Die zweite Variante ist die robustere, weil sie keinen Zustand kennt, in dem noch nichts geschützt ist. Wer einen eigenen Server betreibt, sollte die unverschlüsselten Ports gar nicht erst öffnen — eine geschlossene Tür muss man nicht absichern.

Quellen

Belege für die Aussagen auf dieser Seite. Alle Texte hier sind selbst geschrieben; die Quellen dienen der Nachprüfbarkeit, nicht als Vorlage.

Zuletzt geprüft: 2026-08-16